Wie viele Musikwünsche verträgt eine gute Party?

„Kannst du das hier noch spielen?“ höre ich bei fast jedem Event, während mir ein Smartphone mit geöffnetem Spotify-Account entgegengehalten wird.

Und das ist auch gut so. Musikwünsche gehören für mich zu jeder Feier dazu.

Sie geben mir ein Gefühl dafür, was die Gäste gerne hören möchten, liefern manchmal eine Idee, auf die ich selbst in diesem Moment nicht gekommen wäre und können einer Party sogar eine ganz neue Richtung geben. Schwierig wird es erst, wenn aus einem Wunsch eine Bestellung wird.

Denn eine gute Party entsteht nicht dadurch, möglichst viele Musikwünsche nacheinander abzuspielen. Entscheidend ist, welcher Song zu den Menschen, zur Stimmung und vor allem zum jeweiligen Moment passt.

Musikwünsche beginnen schon vor der Party

Bereits vor einer Veranstaltung bitte ich meine Kunden gerne darum, mir eine Auswahl von Songs zukommen zu lassen, die sie besonders mögen. Dabei empfehle ich, sich auf maximal 50 Titel zu beschränken. Nicht, weil ich an diesem Abend nur 50 ihrer Songs spielen möchte.

Diese Liste soll mir dabei helfen, den Musikgeschmack meiner Gastgeber kennenzulernen. Welche Jahrzehnte tauchen immer wieder auf? Welche Genres spielen eine Rolle? Welche Künstler sind dabei? Geht es eher in Richtung Rock, 90er, aktuelle Charts, House, Schlager oder von allem ein bisschen?

Dafür brauche ich keine 200 Songs.

Eine Auswahl von 30, 40 oder 50 Titeln verrät mir meistens schon ziemlich viel. Sie gibt mir eine musikalische Richtung vor und hilft mir dabei, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was meinen Gastgebern gefällt. Diese Liste ist für mich deshalb vor allem eines: Inspiration.

Sie ist keine Setlist. Denn welche Songs am Abend tatsächlich funktionieren, entscheidet sich erst, wenn die Gäste da sind.

Die Party hält sich nicht immer an den Plan

Man kann im Vorfeld viel besprechen und planen. Eine Party entwickelt aber irgendwann ihre eigene Dynamik. Vielleicht hatte vorher niemand damit gerechnet, dass ausgerechnet die 90er an diesem Abend komplett durch die Decke gehen. Vielleicht funktioniert Rock plötzlich hervorragend. Vielleicht liegen sich bei einem deutschen Song Menschen in den Armen, den ich eine Stunde vorher noch gar nicht auf dem Schirm hatte.

Und manchmal funktioniert ein Song, von dem vorher alle überzeugt waren, überhaupt nicht. Genau deshalb beobachte ich während einer Party ständig, was auf der Tanzfläche passiert.

Wer tanzt gerade? Wer kommt dazu? Bei welchem Song verlassen Menschen die Tanzfläche? Welche Generation erreiche ich gerade? Funktioniert die aktuelle Richtung noch? Ist es Zeit für einen Wechsel? Kann ich die Energie weiter steigern oder braucht es gerade etwas völlig anderes?

Musikwünsche liefern mir dabei zusätzliche Informationen. Und manchmal genau die richtige Idee. Ein guter Song kann trotzdem gerade der falsche sein

Ein Gast kommt zu mir und wünscht sich einen Titel. Der Song ist gut. Er passt grundsätzlich zu den Gästen und ich kann mir ziemlich sicher vorstellen, dass er an diesem Abend funktioniert. Trotzdem spiele ich ihn vielleicht nicht als Nächstes.

Wenn gerade 40 Menschen zu einem bestimmten Musikstil tanzen und ich merke, dass sich daraus etwas entwickelt, wäre es wenig sinnvoll, diesen Moment für einen einzelnen Musikwunsch zu unterbrechen.

Vielleicht passt der gewünschte Titel zehn Minuten später perfekt. Vielleicht in einer Stunde und manchmal eben auch gar nicht.

Ein Musikwunsch bedeutet für mich deshalb zunächst: Da ist jemand im Raum, der diesen Song gerne hören würde.

Das nehme ich ernst. Ob und wann ich ihn spiele, hängt aber davon ab, wie sich die Party entwickelt.

Wenn aus einem Wunsch plötzlich ein Auftrag wird

Besonders interessant wird es bei Musikwunschkarten. Die Idee dahinter ist eigentlich schön. Auf den Tischen liegen kleine Karten, auf denen die Gäste ihre Lieblingssongs notieren und anschließend beim DJ abgeben können.

Gerade bei Hochzeiten begegnet mir das immer wieder. Das größte Problem daran ist schnell erklärt. Nehmen wir eine Feier mit 50 Gästen. Auf jeder Musikwunschkarte befinden sich drei freie Felder. Im theoretischen Extremfall landen damit 150 Musikwünsche bei mir.

Bei durchschnittlich drei Minuten pro Song wären das bereits siebeneinhalb Stunden Musik! Ausschließlich mit den Wünschen der Gäste. Die musikalischen Vorstellungen der Gastgeber sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Meine eigenen Ideen ebenfalls nicht. Und schon gar nicht das, was sich im Laufe des Abends spontan auf der Tanzfläche entwickelt.

Die Anzahl ist für mich aber gar nicht das größte Problem. Viel entscheidender ist etwas anderes: Eine ausgefüllte Musikwunschkarte fühlt sich schnell verbindlich an.

Wenn ein Gast zu mir kommt und fragt:„Kannst du später vielleicht noch diesen Song spielen?“, dann ist normalerweise klar: Das ist sein Wunsch. Liegt dagegen auf jedem Platz eine vom Gastgeber vorbereitete Karte mit der Aufforderung, Musikwünsche einzutragen, verändert sich die Wahrnehmung. Die Karte wird ausgefüllt, beim DJ abgegeben und damit ist der Wunsch gefühlt bestellt.

Nach meiner Erfahrung bekommt so ein Musikwunsch auf Papier erstaunlich schnell den Charakter eines kleinen Auftrags. Und dann beginnt das Warten.

„Ich habe meinen Wunsch doch schon vor zwei Stunden abgegeben.“

Das schafft eine Erwartung, die sich häufig gar nicht erfüllen lässt. Nicht weil ich die Wünsche der Gäste ignorieren möchte, sondern weil es bei einer größeren Anzahl schlicht unmöglich ist, jeden davon zu spielen. Aus einer eigentlich schönen Idee kann so unnötiger Frust entstehen.

Spontane Musikwünsche sind oft viel spannender

Besonders gerne mag ich Wünsche, die direkt aus der Party heraus entstehen. Jemand steht auf der Tanzfläche, hört die Musik und plötzlich fällt ihm ein Song ein, der jetzt hervorragend passen könnte. Das ist für mich eine interessante Information.

Denn dieser Wunsch entsteht nicht drei Monate vor der Veranstaltung zu Hause auf dem Sofa. Er entsteht genau in dem Moment, in dem der Gast die Party erlebt. Manchmal denke ich sofort: Großartige Idee. Und manchmal denke ich: Gute Idee, aber noch nicht jetzt.

Und manchmal weiß ich ziemlich sicher: Wenn ich den jetzt spiele, funktioniert er nicht. Auch das gehört dazu.

Und dann gibt es noch das Smartphone

Streamingdienste haben die Art verändert, wie Musikwünsche geäußert werden. Früher kam jemand zum DJ, weil ihm ein bestimmter Song eingefallen war.

Heute passiert es nicht selten, dass jemand mit dem Smartphone vor mir steht, Spotify öffnet und erst einmal durch seine Playlists scrollt. „Den könntest du spielen. Oh, warte, den auch. Und den hier auf jeden Fall. Kennst du den?“

Aus einem spontanen Musikwunsch werden innerhalb kürzester Zeit fünf oder zehn Songs. Jeder einzelne davon kann gut sein. Aber eine Party besteht aus vielen Menschen.

Der eine liebt Rock, die nächste möchte 2000er R’n’B hören, jemand anderes wartet auf Kölsch, die nächste Gruppe hätte gerne 90er und drei Leute wünschen sich Techno. All diese Menschen feiern aber auf derselben Party. Wenn ich versuche, es in jedem Moment jedem einzelnen Gast recht zu machen, entsteht daraus noch lange kein stimmiger Abend.

Als DJ sehe ich  mehr als den einzelnen Musikwunsch

Ein Gast erlebt eine Party aus seiner persönlichen Perspektive. Er kennt seinen eigenen Musikgeschmack, den seiner Freunde und vielleicht noch den der Menschen an seinem Tisch, das ist völlig normal. Als DJ versuche ich dagegen, den ganzen Raum im Blick zu behalten.

Ein Musikwunsch, der fünf Menschen begeistert, kann gleichzeitig dazu führen, dass zwanzig andere die Tanzfläche verlassen. Umgekehrt kann ein vermeintlich ungewöhnlicher Wunsch plötzlich genau der Song sein, bei dem sich völlig unterschiedliche Gäste gemeinsam auf der Tanzfläche wiederfinden. Das lässt sich nicht vollständig planen. Aber genau deshalb braucht eine gute Party musikalischen Spielraum.

Also lieber gar keine Musikwünsche Ganz im Gegenteil. Ich persönlich freue mich über Musikwünsche. Vor einer Veranstaltung möchte ich wissen, welche Musik meine Gastgeber mögen. Ich möchte während der Party erfahren, worauf die Gäste Lust haben. Und ich habe überhaupt kein Problem damit, meine eigenen Ideen zu ändern, wenn ich merke, dass die Menschen vor mir gerade etwas anderes wollen. Genau das macht den Reiz einer guten Party aus.

Entscheidend ist für mich nur, was aus den Wünschen anschließend wird. Eine Inspirationsliste vor der Veranstaltung hilft mir, den Musikgeschmack kennenzulernen. Ein spontaner Wunsch verrät mir etwas über die aktuelle Stimmung. Selbst ein ungewöhnlicher Song kann im richtigen Moment großartig funktionieren.

Problematisch wird es erst, wenn aus all diesen Informationen eine Liste entsteht, die einfach abgearbeitet werden soll. Denn dann geht genau das verloren, wofür ein DJ eigentlich da ist: auf das zu reagieren, was gerade passiert.

Mein Tipp für Musikwunschkarten

Wer seinen Gästen Musikwunschkarten anbieten möchte, muss deshalb nicht komplett darauf verzichten. Ich würde nur nicht jedem Gast eine Karte mit drei oder vier freien Feldern hinlegen.

Eine schöne Alternative kann zum Beispiel eine Musikwunschkarte pro Tisch sein. Die Gäste können gemeinsam überlegen, welcher Song für ihre Runde an diesem Abend auf keinen Fall fehlen sollte.

Damit werden aus 150 möglichen Wünschen vielleicht acht oder zehn. Gleichzeitig entsteht am Tisch sogar ein kleiner Austausch darüber, welcher Song die Gruppe verbindet.

Auch die Formulierung auf der Karte macht einen Unterschied.

Statt: „Meine Musikwünsche:“ gefällt mir eine Frage wie: „Welcher Song darf heute auf keinen Fall fehlen?“ deutlich besser.

Denn damit wird aus einer vermeintlichen Bestellung wieder das, was ein Musikwunsch eigentlich sein sollte: eine gute Idee.

Wie viele Musikwünsche verträgt also eine gute Party? Darauf gibt es am Ende keine feste Zahl. 50 Wünsche können überhaupt kein Problem sein, wenn sie als Inspiration verstanden werden. Zehn können bereits schwierig werden, wenn jeder davon als verbindlicher Auftrag betrachtet wird. Es kommt deshalb weniger darauf an, wie viele Wünsche geäußert werden. Viel wichtiger ist, was anschließend mit ihnen passiert.

Gebt mir eure Lieblingssongs. Erzählt mir, welche Musik euch etwas bedeutet. Kommt während der Party zu mir, wenn euch ein Song einfällt, bei dem ihr unbedingt tanzen möchtet.

Und gebt mir gleichzeitig die Freiheit zu entscheiden, wann dieser Song seinen besten Moment hat.

Denn am Ende soll nicht möglichst viel von einer Liste abgespielt worden sein. Am Ende soll es eine gute Party sein.

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